Radikalisierungsprävention kommunal gestalten
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Interview mit Halil Şimşek, kommunaler Fachberater für Extremismusprävention
Wie können pädagogische Fachkräfte, zivilgesellschaftliche Träger und Kommunen gemeinsam Radikalisierungsprävention erfolgreich umsetzen? In diesem Beitrag wird angeregt, innovative Ansätze, interdisziplinäre Netzwerke und klare Koordinierungsstrukturen stärker zu nutzen – für eine wirkungsvolle und nachhaltige Radikalisierungsprävention.
Quelle: Vereinigung Pestalozzi gem. GmbH
Im Rahmen des Modellprojekts "Kommunale Fachberatung: Prävention und gesellschaftlicher Zusammenhalt" unterstützen Dr. Michaela Baumann und Janusz Biene-Clement bereits seit 2023 Fachkräfte in Landkreisen, Städten und Gemeinden dabei, Radikalisierungsprävention auf kommunaler Ebene nachhaltig zu verankern. Im Interview mit Halil Şimşek, langjähriger Präventionsexperte und Teilnehmer einer Fortbildung im Rahmen des Modellprojekts, sprechen sie über Chancen und Herausforderungen kommunaler Radikalisierungsprävention.
Michaela Baumann: Lange Zeit waren vor allem zivilgesellschaftliche Akteure aus Sozialer Arbeit und Pädagogik sowie Sicherheitsbehörden mit der Vorbeugung von Radikalisierung befasst. In Ihrer Erfahrung als Fachberater in der Extremismusprävention, können Kommunen auch Radikalisierungsprävention?
Halil Şimşek: Selbstverständlich! Meiner Meinung nach sollte es eine kommunale Präventionskoordination geben, die als Schnittstelle dient zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, Sicherheitsbehörden, den kommunalen Fachbereichen und der Wissenschaft. Insbesondere Kommunikationsstrukturen innerhalb der Stadtverwaltung sind dabei von zentraler Bedeutung. Sie ermöglichen es, ämterübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, etwa zwischen Jugendämtern, Schulbehörden und Integrationszentren. Was häufig fehlt, ist eine übergreifende Gesamtstrategie, die die vielfältigen Akteure effektiv koordiniert und verbindlich zusammenführt. Diese Lücke könnten Kommunen durch die Einführung einer zentralen Koordinierungsstelle und die Nutzung moderner Steuerungsmodelle, wie sie in der Governance-Forschung diskutiert werden, schließen.
Janusz Biene-Clément: Um welche Berufsgruppen handelt es sich denn konkret, die in der Kommunalverwaltung Präventionsarbeit umsetzen?
Halil Şimşek: Präventionsarbeit im Sinne des Kinder- und Jungendschutzes ist traditionell eine Aufgabe der Jugendämter. Auch der schulpsychologische Dienst sowie kommunale Integrationszentren spielen eine zentrale Rolle. Hier sind vor allem pädagogische, sozialarbeiterische und psychologische Fachkräfte tätig. Aber auch Berufsgruppen aus Sicherheits- und Ordnungsbehörden, wie beispielsweise die kommunale Polizei oder Sicherheitsbehörden, können präventive Aufgaben übernehmen, insbesondere durch den Aufbau von Vertrauen zu den betroffenen Communities und bei der sicherheitsrelevanten Einschätzung potenzieller Radikalisierungsprozesse. Zusätzlich könnten wissenschaftliche Expertise sowie Akteure aus der Stadtplanung und dem Gesundheitswesen wertvolle Beiträge leisten. Die Frage "Welche Aufgaben sind bei der Extremismusprävention zu erfüllen, und von wem können diese Aufgaben wahrgenommen werden?" sollte regelmäßig neu geprüft werden, um flexibel auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können.
Michaela Baumann: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen pädagogisch-sozialarbeiterischer Zivilgesellschaft und Kommune im Bereich Radikalisierungsprävention? Was funktioniert gut? Wo sehen Sie Herausforderungen?
Halil Şimşek: Die Netzwerkarbeit auf kommunaler Ebene funktioniert in der Regel gut. Ein regelmäßiger Austausch zwischen den Akteuren ist möglich und oft findet gegenseitige Unterstützung statt. Herausfordernd bleibt jedoch die finanzielle Unsicherheit für zivilgesellschaftliche Akteure. Die meisten Projekte basieren auf zeitlich begrenzten Fördermitteln, was die Kontinuität und Qualität der Arbeit gefährdet. In meiner Erfahrung als Fachberater in der Extremismusprävention habe ich beobachtet, dass für die Kommunen selbst die hierarchischen Strukturen und das "Denken in Zuständigkeiten" eine Herausforderung darstellen. Der Themenkomplex "Extremismusprävention" erfordert oft ämterübergreifendes Handeln, das in starren Zuständigkeiten nicht einfach abzubilden ist. Dies führt dazu, dass es an der notwendigen Agilität und Verantwortung fehlt, um flexibel und effizient reagieren zu können. Ein weiteres Problem ist die hohe Personalfluktuation. Qualifizierte Fachkräfte verlassen häufig ihre Positionen, da die finanzielle Unsicherheit und die strukturellen Herausforderungen zu einer geringen Perspektive auf langfristige berufliche Entwicklung führen. Eine verstärkte Fokussierung auf Personalentwicklung und innovative Arbeitsstrukturen könnte hier Abhilfe schaffen.
Janusz Biene-Clément: Basierend auf Ihren bisherigen Erfahrungen, welche Unterstützung könnten sich Kommunen von der Zivilgesellschaft wüschen, um kommunale Radikalisierungsprävention effektiver zu gestalten?
Halil Şimşek: Die Kommune wünscht sich von der Zivilgesellschaft vor allem eine Verstärkung der strategischen Zusammenarbeit. Dies könnte durch die Teilnahme an Steuerungsgremien oder Netzwerktreffen erfolgen. Hier können zivilgesellschaftliche Akteure ihre Erfahrungen und Fachkenntnisse einbringen, um Maßnahmen gezielter zu entwickeln und umzusetzen. Ein zentrales Anliegen ist die Verlässlichkeit der Kooperation. Kommunen wünschen sich von zivilgesellschaftlichen Partnern mehr Transparenz bei der Projektarbeit, insbesondere bei der Evaluation und Berichterstattung, um Erfolge besser sichtbar zu machen und künftige Entscheidungen fundiert zu treffen. Ein Beispiel hierfür ist die Dokumentation und Evaluation von Projekten im Bundesprogramm "Demokratie leben!", die wichtige Erkenntnisse für künftige Förderungen liefern. Darüber hinaus ist eine stabile Finanzierung essenziell. Viele zivilgesellschaftliche Projekte basieren auf kurzfristigen Förderungen, was die Nachhaltigkeit gefährdet. Kommunen können die Zivilgesellschaft für eine stärkere Lobbyarbeit in diesem Bereich unterstützen, um langfristige Finanzierungsmodelle auf Landes- oder Bundesebene zu etablieren. Dies würde nicht nur die Kontinuität der Arbeit sichern, sondern auch erfahrene Fachkräfte binden, deren Expertise entscheidend ist.
Michaela Baumann: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, um diese Zusammenarbeit zu stärken, was müsste passieren?
Halil Şimşek: Die Zusammenarbeit könnte durch die Einführung einer zentralen kommunalen Koordinierungsstelle für Präventionsarbeit erheblich verbessert werden. Diese dienen als Plattformen, um alle relevanten Akteure – von Jugendämtern über Sicherheitsbehörden bis hin zu zivilgesellschaftlichen Initiativen – zusammenzubringen. Ein weiterer Prozess, der die Zusammenarbeit stärken könnte, ist die Einführung eines digitalen Präventionsportals. Dieses Portal könnte Informationen zu bestehenden Angeboten, Ansprechpartnern und laufenden Projekten bündeln und somit die Transparenz erhöhen. Städte wie Berlin nutzen bereits ähnliche Plattformen, um Akteure im Bereich der Extremismusprävention zu vernetzen. Um nachhaltige Präventionsarbeit zu fördern, könnten Kommunen zudem verstärkt auf Qualifizierung setzen. Regelmäßige Schulungen für Fachkräfte, die sich an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren, könnten die Professionalität und Effektivität der Maßnahmen erhöhen.
Janusz Biene-Clément: Wie könnten solche Qualifizierungen aussehen?
Halil Şimşek: Es sollte um die Vermittlung praktischer Kompetenzen gehen. Es gibt verschiedene Schulungsansätze, um die Professionalisierung der Akteure zu fördern, beispielsweise die INDEED-Qualifikation, in der gelernt wird, wie man evidenzbasierte Workshops gestaltet und dabei auf die Bedürfnisse der Teilnehmer*innen eingeht. Auch die von euch konzipierte und durchgeführte Fortbildung "Kommunal.Innovativ.Präventiv." hat durch ihren Fokus auf Erfahrungsaustausch und Vermittlung spezifischer Methoden direkt an die Bedarfe der Fachkräfte anknüpfen können. Solche Schulungsansätze könnten systematisch eingebaut werden, um die Professionalisierung der Akteure zu fördern. Ebenso wichtig ist die Etablierung einer Fehlerkultur. Präventionsarbeit ist ein komplexes Feld, in dem nicht jede Maßnahme sofort Wirkung zeigt. Eine offene und wertschätzende Auseinandersetzung mit Herausforderungen und Rückschlägen könnte dazu beitragen, gemeinsam zu lernen und die Arbeit kontinuierlich zu verbessern.
Michaela Baumann: Möchten Sie noch etwas hinzufügen, das wir nicht angesprochen haben, das aber für die Zusammenarbeit von pädagogisch-sozialarbeiterischer Zivilgesellschaft und Kommunalverwaltung in der Radikalisierungsprävention wichtig ist?
Halil Şimşek: Ein entscheidender Punkt, der oft übersehen wird, ist die Bedeutung von Partizipation. Präventionsarbeit sollte nicht nur von Fachkräften und Verwaltung getragen werden, sondern die Zielgruppen selbst stärker einbeziehen. Dies könnte durch Workshops oder Fokusgruppen geschehen, in denen Jugendliche, Eltern oder andere betroffene Gruppen aktiv an der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen mitarbeiten. In diesem Sinne sollte auch der interkulturelle Dialog stärker in den Fokus rücken. Radikalisierungsprävention ist untrennbar mit gesellschaftlicher Vielfalt verbunden, und nur durch den Einbezug verschiedener Perspektiven können nachhaltige Lösungen gefunden werden. Hier könnten interkulturelle Mediatoren eine Brücke zwischen Verwaltung, Fachkräften und Zielgruppen bauen.
Janusz Biene-Clément: Vielen Dank für das Gespräch!
Über die Autorin und die Autoren:
Dr. Michaela Baumann:
Michaela Baumann ist Teamleitung im Projekt "Kommunale Fachberatung: Prävention und gesellschaftlicher Zusammenhalt" im Legato Projektverbund. Zuvor war sie Bildungsreferentin im Projekt "Clearingstelle Radikalisierungsprävention" und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück.
Janusz Biene-Clément:
Janusz Biene-Clément ist Co-Leiter des Legato Projektverbunds bei der Vereinigung Pestalozzi gGmbH. Zuvor war er Teamleiter der Legato-Projekte "Kommunale Fachberatung" und "Clearingstelle Radikalisierungsprävention". Von 2016 bis 2019 war er Koordinator von "Pro Prävention“ des Kreises Offenbach.
Halil Şimşek:
Halil Şimşek ist seit 2014 im Ruhrgebiet im Bereich der Radikalisierungsprävention tätig. Als kommunaler Fachberater für Extremismusprävention verantwortet er seit 2019 die Entwicklung und Steuerung präventiver Maßnahmen in einer Großstadt des Ruhrgebiets. Seine aktive Netzwerkarbeit und die Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Akteuren tragen zusätzlich auch zum internationalen Austausch und Wissenstransfer bei.
Über das Projekt:
Das Modellprojekt "Kommunale Fachberatung: Prävention und gesellschaftlicher Zusammenhalt" unterstützt Fachkräfte in Landkreisen, Städten und Gemeinden in phänomenübergreifender Radikalisierungsprävention und der Förderung gesellschaftlichen Zusammenhalts. Es wird durch das Kompetenzzentrum des Bundes für Islamismusprävention und Deradikalisierung (KID) im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanziert und ist Teil des Legato Projektverbunds, einem Zusammenschluss von Projekten der systemischen Beratung und Präventionsarbeit in Hamburg, Bremen und bundesweit.
